„Gemeinsam sind wir stark“
Hinweise zur Gruppen-  und Gemeinschaftsfähigkeit

© von Ralf Manthey

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Das Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft hat durch den intensiven globalen Wandlungsprozess, mit seinen Krisen und gravierenden Umwälzungen in allen gesellschaftlichen Bereichen, stark zugenommen. Auch wird vielen Menschen bewusst, dass man die die zahlreichen Problem nur gemeinsam lösen kann.
Schon seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts haben sich  deswegen zahlreiche alternative, politische, soziale und spirituell orientierte Gruppierungen und Gemeinschaften gebildet, mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Gemeinschaften und Gruppen, die schon länger bestehen, stellen aber früher oder später fest, dass es nicht immer einfach ist, viele Individuen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen, Erfahrungen und Vorstellungen zu einer harmonischen und authentischen Gruppe zu vereinen, die konstruktiv an gemeinsamen Zielen arbeitet. Nicht selten scheitern Gruppen nicht an der Findung gemeinsame Ziel, sondern an den oft unterschätzten und nicht gelösten gruppendynamischen Konflikten. Einige Gruppen verfangen sich in endlosen Diskussionen und Machtkämpfen; andere Gruppen  überdecken die Konflikte mit einer Pseudo-Harmonie oder sie erdrücken die Lebendigkeit, Authentizität und notwendige Flexibilität mit überzogenen Strukturen und Regeln. Die ungelösten und unterdrückten Konflikte entladen sich dann häufig auf indirekte und destruktive Weise, was nicht selten früher oder später zur Spaltung oder Auflösung einer Gruppe führt. Daher ist die vorrangige Fragestellung dieses Textes:

Was sind die Bedingungen für eine authentische und positive Gruppen- und Gemeinschaftsbildung und was behindert dies?

Es gibt natürlich keine Patentrezepte für eine authentische und positive Gruppen- und Gemeinschaftsbildung, weil jede Gruppe ganz eigene und individuelle Lösungen - entsprechend ihrer Zielsetzungen - finden muss.
Trotzdem kann man von den Erfahrungen bereits bestehender und erfolgreicher  Gruppen sich inspirieren lassen. Zunächst sollen die verschiedenen Entwicklungs- und Reifegrade der Menschen näher beleuchten werde, weil sie entscheidend für die Form, Qualität und Zielsetzung von Gruppen sind. Anschließend stelle ich das „Vier Phasen Modell“ von Scott Peck vor. Hierbei handelt es sich um die Phasen, die eine Gruppe oder Gemeinschaft i.d.R. durchlaufen muss, um zu einer authentischen Gemeinschaft zu werden. Abschließend werden dann ein paar Hinweise gegeben, die zu einer authentischen, harmonischen und konstruktiven Gruppenbildung beitragen können.
 

Die unterschiedlichen Entwicklungs- und Reifegrade

Da die Menschen in ihrer emotionalen, mentalen und geistigen Entwicklung, also in ihrem Reife- und Bewusstseinsgrad, sehr unterschiedlich sind, sollte dies bei der Betrachtung von Gruppenbildungen und bestehenden Konflikten berücksichtigt werden. Daher habe ich zur groben Unterscheidung die Menschen in zwei Gruppen unterteilt:

- Masse-Bewusstsein:  der Durchschnittsmensch wird dem Massebewusstsein zugeordnet. Er hat nicht (oder nur sehr gering) gelernt, unabhängig und eigenständig zu Denken und zu Handeln, daher orientiert er sich hauptsächlich (oft unreflektiert) an äußeren Rollen, Normen, Werten und Regeln, die ihm durch die Gesellschaft (Eltern, Schule, Arbeitsstelle, Regierung, Religion etc.) vorgegeben werden. Nach dem Motto: „Was die Mehrheit macht, muss richtig sein“.
Da der Masse-Mensch eher außen orientiert ist und sich selbst nicht oder nur bedingt kennt (mangelnde Selbsterkenntnis) und keine eigenständige Persönlichkeit entwickelt hat, sucht er Halt durch äußere Autoritäten und Systeme, denen er sich durch Anpassung und Gehorsam unterwirft. Der Masse-Mensch bevorzugt daher Gruppen mit festen Normen, Regeln und einer hierarchischen Struktur mit einer (oft autoritären) Führung, der er sich unterordnet; und abweichende Meinungen und Verhalten werden oft als Bedrohung der Sicherheit und Geborgenheit in der „Herde“ wahrgenommen. Diese angebliche Sicherheit,  die bei näherer Betrachtung nur eine Scheinsicherheit ist, wird durch den Preis des Verlustes der eigenen Individualität und Authentizität bezahlt.
Die angepassten Masse-Menschen haben oft viele Ängste und sind daher leicht (von Medien, Regierungen, Mitmenschen) zu manipulieren. Die Masse-Menschen, die sich zu einer Gruppe zusammentun, sind i.d.R. eher selbstbezogen und daher vorrangig auf die Erfüllung eigener Interessen ausgerichtet, man spricht daher auch von einem „Gruppen-Ego“. Dazu gehört auch, dass sie sich von anderen Gruppierungen und Andersdenkenden abgrenzen und nicht selten sich sogar gegenseitig bekämpfen. Die Masse-Menschen findet man vorrangig  in traditionell und konservativ ausgerichteten Parteien, Vereinen, Firmen, religiösen Gruppierungen und Institutionen und am klassischen Stammtisch;  und sie bilden die Mehrheit einer Gesellschaft. Der reifere und emphatische Masse-Mensch engagiert sich durchaus selbstlos für seine Mitmenschen, dann bevorzugt er aber eher konservative und hierarchisch geprägte religiöse oder soziale Einrich-tungen/Organisationen.

- Individual-Bewusstsein: die Menschen, die das Massebewusstsein mehr oder weniger überwunden haben, haben eine mehr oder weniger  eigenständige und unabhängige Persönlichkeit (Individualität) entwickelt. Sie verfügen über ein mehr oder weniger gut entwickeltes differenziertes, reflektiertes und kritisches Denkvermögen, und sie haben sich daher auch eine eigene Meinung gebildet und sind daher nicht so leicht von außen zu manipulieren. Der Individualist hat durch Selbstreflektion auch ein gewisses Maß an Selbsterkenntnis erworben und entwickelt aus sich heraus eigene Wertmaßstäbe und Sichtweisen. Im Vergleich zum passiven Masse-Mensch wollen sie auch aktiv ihr Leben nach ihren individuellen Maßstäben und Vorstellungen gestalten; und sie sind bereit, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Sie arbeiten daher gern selbständig oder in verantwortlichen Positionen  oder sie initiieren oder gründen selbst, allein  oder mit Gleichgesinnten,  Unternehmen, Initiativen, Vereine, Organisationen, Projekte. Durch ihre Originalität und Eigenständigkeit befruchten Individualisten nicht selten durch ihre originellen und innovativen Sichtweisen und Ideen ihr Umfeld oder sogar ganze Gesellschaften. Daher leisten sie oft Pionierarbeit und gehen neue und ungewohnte Wege; die aber nicht selten auf den Widerstand von Masse-Menschen stoßen.
Der Individualist bevorzugt eher Gruppen mit ebenfalls eigenständigen und unabhängigen Mitgliedern. Auch wenn der Individualist  im Vergleich zum Masse-Menschen angstfreier und selbstbewusster ist, hat er aber  große Angst, in Gruppen seine Autonomie zu verlieren, was oft zu einer Überbetonung der Autonomie führen kann, oder er verlässt die  Gruppe oder lässt sich nur halbherzig auf sie ein. Auch kommt es nicht selten zwischen sehr  willensstarken und selbstbezogenen Individualisten in einer Gruppe zu Machtkämpfen oder es wird versucht, die eigenen Zielvorstellungen gegenüber der gesamten Gruppe durchzusetzen.
Die reiferen und weiseren Persönlichkeiten (Individualisten), die oft auch einen philosophisch-spirituellen Hintergrund haben, können ihre eignen Interessen auch zu Gunsten übergeordneter Gruppen-Ziele zurückstellen. Auch haben sie erkannt, dass es möglich ist, sich in eine Gruppe von starken Individualisten einzufügen, ohne sich unterzuordnen oder seine Autonomie aufzugeben = WIR-Bewusstsein. Diese reiferen Gruppen verfolgen i.d.R. dann auch selbstlosere und über-persönlichere Ziele zum Wohle ihrer Mitmenschen und arbeiten vernetzt mit anderen Gruppen zusammen. Irgendwann, wenn der Individualist an geistiger Reife zunimmt, wird er in das Seelen-Bewusstsein eintreten.

Diese Beschreibung ist nur eine sehr vereinfachte und grobe Darstellung zweier unterschiedlicher Reifegrade. Die Wirklichkeit ist natürlich viel komplexer. Jede der beiden Gruppen kann man noch in verschiedene Abstufungen der Reifegrade differenzieren. Auch hat ein Masse-Mensch natürlich auch mehr oder weniger Anteile vom Individualisten und umgekehrt weist der Individualist Anteile vom Masse-Menschen auf. Nicht wenige Menschen, befinden sich im Übergang vom Masse-Bewusstsein ins Individual-Bewusstsein, indem sie beginnen, vieles kritisch zu hinterfragen und unabhängiger von äußerer Beeinflussung werden. Aber gerade in der Anfangsphase pendeln sie oft noch zwischen den beiden Reifgraden hin und her.


Die vier  Phasen der Gemeinschaftsbildung, nach Scott Peck

Scott Peck hat in seiner langjährigen praktischen Arbeit in der Bildung von alternativ, ökologisch und spirituell orientierten Gruppen und Gemeinschaften vier Phasen der Entwicklung beobachtet, die ein Gruppen- oder Gemeinschaftsbildungs-Prozess in der Regel durchläuft. Diese Phasen habe ich mit meinen Worten hier verkürzt zusammengefasst. (Den Originaltext findet man hier: http://www.gemeinschaftserfahrung.de/inhalte/gemeinschaftsbildung/vier-phasen/)

1. Pseudo-Gemeinschaft. In der Anfangsphase, wenn die Mitglieder einer Gruppe, Initiative oder Gemeinschaft zusammen kommen und ihre ersten Treffen haben, neigen die Gruppenmitglieder dazu, die bestehenden Unterschiedlichkeiten, Konflikte und Spannungen unter den Teppich zu kehren, und sie halten ihre authentischen Gefühle und berechtigte (konstruktive) Kritik zurück, um so möglichst schnell eine harmonische Gruppen-Atmosphäre  zu erreichen. Man lächelt sich z.B. an, obwohl man sich eigentlich geärgert hat, oder man lästert außerhalb der Gruppe über Gruppenmitglieder. Aber die eigentlichen  Konflikte sind ja nicht verschwunden, somit führt dieses nicht authentische Verhalten nur zu einer Scheinharmonie = Pseudo-Gemeinschaft. Pseudo-Gemeinschaften kann man oft in sozialen und esoterischen Kreisen antreffen, deren Mitglieder dazu neigen, ihre unvollkommene Menschlichkeit und die damit verbundenen Schattenseiten zu überspringen, um so ihr überzogenes Idealbild von einem „guten“ oder „heiligen“ Menschen unter Verleugnung der Wirklichkeit und Authentizität zu erreichen.

2. Chaos-Phase. Wenn eine Gruppe sich länger trifft und verbindlicher wird, kann sie nicht ewig ihre Scheinharmonie aufrecht erhalten. Nun kommen die eigentlichen Konflikte, Spannungen und die damit verbundenen authentischen Gedanken und Gefühle immer mehr an die Oberfläche und werden  nicht mehr unterdrückt, sondern ausgelebt, aber nicht sehr konstruktiv: Z.B. kommt es zu Egotrips, Machtkämpfen, Rechthabe-Diskussionen, Bekehrungsversuchen, Verletzungen, Kränkungen, Antipathie und Sympathie, Cliquenbildung und indirekten Ausgrenzungen von unliebsamen Mitgliedern etc. Es kommt dann oft auch irgendwann der (hilflose) Ruf nach (mehr) Organisation und Struktur, oder man wünscht, dass die Gruppenleiter dies regeln sollen. Hierzu ein Zitat von S. Peck: „An der Stelle, wo eine Gruppe zur Gemeinschaft finden will, dient (der Ruf nach) Organisation nur der Schmerzvermeidung. Gemeinschaft entsteht, indem wir dafür Raum geben und es wachsen lassen, nicht indem wir sie organisieren“. Scott Peck stellte fest, dass viele Gemeinschaften, Gruppen oder Initiativen den Fehler machen, zu schnell ihre Probleme über den Kopf durch Techniken oder übermäßige Strukturen zu lösen, bevor sie eine authentische Kommunikation erreicht habe. Daher gilt für S. Peck das Motto: Gemeinschaftsbildung zuerst, Problemlösung danach!

3. Phase der Leere. Wenn die Gruppe am Ball bleibt, beginnen die Mitglieder allmählich die destruktiven Verhaltensweisen und die Konzepte, wie Gemeinschaft bzw. wie die Gruppenmitglieder zu sein haben, loszulassen. Diesen Prozess  kann man aber nicht bewusst steuern, sondern nur zulassen. Erste Gruppenmitglieder legen ihre „Masken“ bzw. ihr Schutzverhalten ab und sprechen direkt und authentisch über ihre Verletzungen, Enttäuschungen und Erwartungen, ohne Vorwürfe und Schuldzuweisungen.

4. Gemeinschafts-Phase. Nach der Phase der Ent-Leerung kann allmählich ein innerer Raum, ein echtes Friedens- und Gemeinschaftsfeld entstehen, wo wirkliche authentische und wertschätzende Kommunikation und magische Momente stattfinden. Jetzt spricht jeder aus seinem Herzen seine Wahrheit und die anderen sind jetzt auch bereit, aufmerksam zuzuhören. Es entsteht eine Art innerer Raum und eine übergeordnete Verbundenheit. Die Gruppe kann jetzt herausfinden, was ihre eigentliche gemeinsame Aufgaben/Ziele sind. Dies kann natürlich auch bedeuten, dass einige Mitglieder die Gruppe verlassen oder eine Gruppe ganz endet.

Gruppen und Gemeinschaften, deren Mitglieder sich in erster Linie mit äußeren starren Rollen und Normen identifizieren, kein eigenständiges Denken entwickelt haben, sich den Konflikten nicht stellen, Verantwortung abgeben und selbstsüchtig und nicht authentisch agieren, kommen oft über die Pseudo-Gemeinschaftsphase  nicht hinaus.
Die Gruppen, deren Mitglieder starke, selbständige und unabhängige Persönlichkeiten sind, neigen oft dazu ihre Individualität und Autonomie zu sehr zu betonen. Sie werden zwar die Pseudogemeinschafts-Phase überwinden, aber oft in der Chaosphase hängen bleiben.
Erst wenn eine Gruppe nicht nur selbstbezogen und zweckorientiert ausgerichtet ist, sondern authentisch und respektvoll  seine Konflikte und Erwartungen bespricht, hat sie die Chance in die Leere-Phase einzutreten und so allmählich eine vertrauensvolle Verbundenheit  und damit ein WIR-Bewusstsein zu entwickeln. Erst dann kann man meiner Meinung nach erst von einer wirklichen Gemeinschaft sprechen.

Die folgenden Hinweise sind in erste Linie für die Gruppen und Gemeinschaften gedacht, die diese authentische Verbundenheit anstreben. 


Hinweise für eine authentische und positive Gemeinschafts- und Gruppenbildung

 

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