Schattenarbeit auf dem spirituellen Weg

Die meisten Menschen, die den spirituellen Weg betreten, ersehnen sich dauerhafte Liebe, Glück, Leichtigkeit, Frieden, Erleuchtung und Seligkeit. Diese Sehnsucht ist verständlich, und oft erlebt man am Anfang des spirituellen Weges auch viele lichtvolle und erhabene Momente. Aber früher oder später – so ist meine Erfahrung – beginnt die erforderliche Konfrontation und Auseinandersetzung mit den eigenen SCHATTENANTEILEN und die damit verbundenen herausfordernden Krisen und Prüfungen, um die Persönlichkeit zu läutern. Nicht wenige Menschen weichen dem aus und leben daher oft nur eine oberflächliche "Pseudo-Spiritualität".
Um sich wirklich spirituell weiterzuentwickeln, kommt man aber um die Schattenarbeit nicht herum.
Inhalte der Schattenarbeit
Der Schatten sind i.d.R. all die Anteile, die man aus verschiedenen Gründen nicht mehr bewusst sind. Aber zu den Schatten gehören auch die Anteile, deren man sich zwar bewusst ist, sie aber bisher nicht bearbeitet und gelöst hat.
Die Schattenthemen, mit denen man es i.d.R. zu tun hat, sind:
- destruktive Denk- und Verhaltensmuster und Gewohnheiten
- negative, unbewusste Glaubenssätze
- verdrängte Gefühle (Angst, Wut etc.), emotionale Verletzungen und Traumata
- ungelöste Konflikte
- karmische Folgen aus vergangenen Inkarnationen
- fremde emotionale und mentale Anteile (Prägungen), die man z.B. von der Gesellschaft, seinen Eltern und Ahnen übernommen hat
Hinweise zum Umgang mit den Schattenanteilen?
Selbsterkenntnis: Schattenarbeit bedeutet in erster Linie, dass man sich all die unliebsamen und verdrängten Anteile durch Selbstreflexion bewusst macht. Dazu gehört auch, dass man schonungslos hinter seine antrainierte Maske (falsche Selbstbilder, gesellschaftliche Rollen, religiöse und spirituelle Dogmen, politische Indoktrination etc.) schaut. Die Grundsatzfragen sind: Wer bin ich wirklich? Was ist mein wahrer Wesenskern?
Zur Selbsterkenntnis gehören aber nicht nur die Auseinandersetzung mit den negativen Anteilen (Schattenseiten), sondern auch mit den positiven Anteilen (Potenziale, Fähigkeiten und Talente), die man z.B. wegen gesellschaftlichen Normen und Zwängen unterdrücken musste.

Dazu ist die Bereitschaft erforderlich, sich täglich genau zu beobachten und sich und sein Denken, Fühlen und Handeln zu hinterfragen. Regelmäßige tägliche Selbstreflexion (z.B. am Abend) ist hierbei hilfreich. Gerade in der Rückschau kann man mit Distanz genauer seine Muster und nicht authentische Verhaltensweisen erkennen. In dieser Hinsicht sind die Reaktionen der Mitmenschen sehr hilfreich, denn die Welt um uns herum ist der beste Lehrmeister, wenn wir den Mut haben, in den nicht immer angenehmen Spiegel zu schauen.

Zur Selbsterkenntnis gehört auch, dass man die Projektionen seiner verdrängten Anteile auf die Mitmenschen erkennt und bewusst zurücknimmt.
Damit die Erkenntnisse nicht wieder vergessen werden, sollte man regelmäßig ein Tagebuch führen.
Negative energetische Folgen der Verdrängung: Persönlichkeitsanteile, die man dauerhaft verdrängt oder sogar ganz abgespalten hat, werden ins Unterbewusstsein verbannt. Sie sind aber nicht verschwunden, sondern entwickeln sie früher oder später ein unkontrolliertes Eigenleben.
Wenn z.B. ein Mensch seine natürlichen sexuellen Bedürfnisse verdrängt, wird er sie irgendwann indirekt und unkontrolliert auf der energetischen Ebene ausleben. So kann es sein, dass ein angeblich sexuell enthaltsamer spirituell orientierter Mann auf der energetischen Ebene gegenüber Frauen sexuell übergriffig wird.
In esoterischen und religiösen Kreisen gibt es nicht wenige Menschen, die aufgrund von falschen Vorstellungen, Dogmen, spirituellen Ehrgeiz und Selbsterhöhung ihre natürlichen Bedürfnisse abspalten und sie dann indirekt und unbewusst auf schädliche Weise physisch oder energetisch ausleben.
Daher ist es so wichtig, dass man auf dem spirituellen Weg regelmäßig eine schonunglsose und ehrliche Selbstreflexion betreibt.
Akzeptanz: Die Schattenarbeit ist i.d.R. ein lebenslanger Prozess. Nicht selten verurteilt man sich für seine Schattenseiten oder denkt, dass man versagt hat und ergeht sich in Selbstmitleid oder leistet Widerstand. Daher sollte man eine Haltung der Akzeptanz und Annahme kultivieren, und sich immer wieder bewusst machen, dass die Schattenarbeit zur Bewusstseinserweiterung und damit letztendlich zur Befreiung führt. Auch die damit verbundenen Krisen dauern nicht ewig, vorausgesetzt, dass man sich Mühe gibt und aktiv mitarbeitet und nicht passiv die Krisen nur erduldet und auf Erlösung von außen wartet.
Stabiles Lebensfundament: Schattenarbeit ist oft sehr herausfordernd und es ist nicht immer einfach, sich mit seinen verdrängten negativen Persönlichkeits-Anteilen zu konfrontieren. Das "verzerrte" Bild, welches man von sich selbst hat, wird oft grundlegend infrage gestellt. Das geht natürlich einher mit Selbstwerteinbrüchen und Identitätskrisen und mit der damit verbundenen psychischen Instabilität. Daher sollte man über ein möglichst weitgehend stabiles Lebensfundament verfügen, wie eine gesicherte physische Existenz, gute Erdung, Selbstfürsorge, gute soziale Kontakte und eine regelmäßige Tagesstruktur.

Mäßigkeit und Geduld: Wer die Schattenarbeit zu oberflächlich, leichtfertig und halbherzig angeht, wird langfristig gesehen wenig Erfolg haben und nicht in die erforderliche Tiefe dringen, die nötig ist, um die eigenen Schatten umfänglich zu erkennen, zu verarbeiten und zu lösen. Die Schattenarbeit erfordert daher Geduld und Ausdauer.
Gerade ungeduldige und ehrgeizige Menschen machen aber oft den Fehler, dass sie die Schattenarbeit zu sehr forcieren und zu früh Schattenthemen angehen, für die sie aber noch nicht reif und stabil genug sind.
Auch geht es nicht darum, nun alle Schattenseiten auszumerzen, denn dies ist gar nicht möglich und auch nicht erforderlich. Es geht i.d.R. vielmehr darum, sie sich überhaupt bewusst zu machen und sie anzuerkennen. Nicht selten hatte ein negatives Verhalten (Muster, Glaubenssätze) in der Vergangenheit auch eine wichtige Schutzfunktion (und vielleicht auch immer noch), dies sollte man würdigen.
Kompetente Hilfe und Unterstützung: Unterstützung durch einen erfahrenen spirituellen Coach/Lehrer ist gerade am Anfang des spirituellen Wegs sehr hilfreich und oft sogar notwendig, denn die Gefahr, dass man sich selbst etwas vormacht, ist sehr groß. Daher braucht man jemanden, der diese Prozesse schon erfolgreich durchlaufen hat und der uns durch ehrliche Rückmeldungen auf die tiefer liegenden Schattenanteile hinweist, die man gern vor sich verbirgt, verleugnet und wegrationalisiert.
Psychologische Hilfe: Eventuell sollte man auch psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen, besonders wenn es um tiefgreifende psychologische Themen, wie z.B. Kindheitstraumata und psychische Störungen geht. Ideal wäre ein Psychologe, der einen spirituellen Hintergrund hat.
Klärung ungelöster Konflikte: Ungelöste Konflikte mit Mitmenschen können den spirituellen Weg massiv blockieren. Schattenarbeit bedeutet daher, dass man bestehende ungelöste Konflikte und Spannungen mit seinen Mitmenschen (Partnern, Freunden, Kollegen) klärt und bereinigt. Eventeulle mit psychologischer Hilfe.
Umgang mit den verschiedenen Persönlichkeitsanteilen: Je mehr man seine Schattenanteile kennenlernt, desto mehr stellt man fest, dass man aus vielen Persönlichkeitsanteilen besteht, die unterschiedliche und oft widersprüchliche Verhaltensweisen, Bedürfnisse und Interessen haben, was sich oft in inneren und äußeren Konflikten, Zerrissenheit und Blockaden äußert.
Grob gesehen kann man die Anteile in zwei Kategorien unterteilen: den vernünftigen (rationalen) und den emotionalen (irrationalen) Anteil.
Beide befinden sich oft in einem Spannungsverhältnis zueinander. Z.B. hat der vernünftige Anteil erkannt, dass ein bestimmtes Verhalten auf dem spirituellen Weg schädlich und hinderlich ist und will dies nun ändern bzw. es einstellen. Der emotionale Anteil will dies aber weiterleben und fühlt sich übergangen und wird somit blockieren. Dann wäre es nicht hilfreich, den emotionalen Anteil einfach zu übergehen und ihn zu unterdrücken. Daher ist der bessere Weg, wenn man mit dem emotionalen Anteil in einen Dialog geht und um sein Verständnis wirbt, ihn quasi erzieht. Dies kann bedeuten, dass man auch Kompromisse (Zugeständnisse) macht, solange es keine faulen Kompromisse sind. Dabei ist aber wichtig, dass man sich jetzt im Gegenzug nicht von dem emotionalen Anteil beherrschen lässt und somit die Kontrolle und das als richtig erkannte rationale Ziel aus den Augen verliert.
Fremdeinflüsse und Gegenkräfte: Sensitive (feinfühlige) und mediale Menschen haben es häufig mit Fremdeinflüssen zu tun. Die Gefahr ist, dass sie sich bei mangelndem Unterscheidungsvermögen mit den negativen Fremdeinflüssen identifizieren und sie für ihre eigenen Schattenanteile halten. Diese dann zu bearbeiten, ist natürlich kontraproduktiv. Daher ist es wichtig, dass man seine Gefühle und Gedanken hinterfragt und lernt, eigene und fremde Einflüsse zu unterscheiden. Hierbei können die Ausbildung eines guten Unterscheidungsvermögens und einer guten Intuition hilfreich sein.

Aber es gibt auch den Umstand, gerade wenn man auf dem spirituellen Weg deutliche Fortschritte macht, dass man es mit der sogenannten Gegenkraft (negative Einflüsterungen, Anfechtungen und emotionale Überschattung) zu tun bekommt, die einen vom spirituellen Weg abbringen will.
Aufgrund der Komplexität dieses Themas kann man hier schnell zu Fehlschlüssen kommen. Daher rate ich im Zweifel, einen erfahrenen spirituellen Lehrer/Coach in Anspruch zu nehmen.

Karmische Hintergründe: Wenn man anhaltende Konflikte und Problemsituationen (Krankheiten, psychische Beeinträchtigungen) nicht auf gegenwärtige Ursachen zurückführen kann, könnte ein negatives Karma aus vergangenen Inkarnationen die Ursache sein. Dann ist es ratsam, sich trotzdem zu bemühen, die Probleme mit den gegenwärtigen Mitteln auf positive Weise zu lösen. Auch wenn es verständlich ist, dass man die karmischen Ursachen für gegenwärtige drängende Probleme erfahren möchte, rate ich davon ab, durch bestimmte esoterische Methoden, den Weg eigenmächtig abzukürzen zu wollen. Es hat ja einen Grund, warum wir in dieser Inkarnation vergangene Leben nicht mehr erinnern.
Wenn es so sein soll und die Zeit dafür reif ist, wird man (z.B. durch Träume oder innere Visionen) die ursächlichen Hintergründe für sein negatives Karma erfahren und dann auch damit ohne Schaden umgehen können. Wenn man aber sein Bestes gibt und um göttlichen Beistand bittet, kann die Wirkung eines negativen Karmas eventuell durch göttliche Gnade sogar verkürzt werden. Besonders, wenn man aufrichtig um eine positive und ethische Lebensführung bemüht ist.

Intensität: Wenn man auf dem spirituellen Weg stetig voranschreitet, erhöht sich zunehmend die Frequenz und damit die Intensität, und man nimmt immer bewusster, umfassender und feiner seine Schattenanteile wahr, nach dem bekannten Grundsatz: „Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten!“. Man kann diesen Vorgang mit dem Aufräumen eines großen Kellerraums (Lagerhalle) vergleichen. Am Anfang hat man eine kleine Taschenlampe (Bewusstsein) und sieht nur wenig Gerümpel (Schattenaspekte) und irgendwann wird die Lampe (erweitertes Bewusstsein) immer größer und leuchtet die bisher verborgenen Winkel und Ecken des Raumes (Unterbewusstsein) aus. Dies muss man wissen, damit man nicht denkt, dass man etwas falsch macht oder versagt hat. Im Gegenteil, die zunehmende Bewusstheit für die tiefer liegenden Schattenaspekte sollte man als Fortschritt betrachten.
Balance zwischen Licht und Schatten
Das bekannte chinesische, daoistische Yin-Yang-Symbol verdeutlicht sehr klar, dass der Mensch in der dualen Welt aus Licht (hellen Anteilen) und Schatten (dunklen Anteilen) besteht.

Beide Seiten können in der Dualität nicht für sich allein existieren und sie bedingen einander. Dieses Gleichgewicht von Licht und Schatten wird aber häufig in intensiven Läuterungsphasen vergessen, indem man sich zu sehr auf seine Schattenaspekte fokussiert und dadurch seine hellen, positiven Anteile aus den Augen verliert. Dies kann zu einer unnötigen negativen Abwärtsspirale führen. Hier kann die Betrachtung des Yin-Yang-Symbols helfen, seine positiven (hellen) Anteile nicht aus den Augen zu verlieren.
Für den positiven Ausgleich kann das Führen eines Freude- und Dankbarkeits-Tagebuchs hilfreich sein, in das man am Abend all das einträgt, was einem tagsüber positiv aufgefallen ist und Freude gemacht hat und wofür man dankbar ist.
Ethik: Ohne ethischen Kompass, ist es schwer, "gut" (konstruktiv, lebenserhaltend) und "böse" (destruktiv, lebensfeindlich) zu unterscheiden. Schattenarbeit auf dem spirituellen Weg bedeutet aber, schädliche Denk- und Verhalten zu erkennen und weitgehend einzudämmen. Aber was genau ist schädliches, unethisches Verhalten? Bei der Definition, was schädliches Verhalten ist, gehen die Meinungen heute aber oft weit auseinander. Man darf aber nicht persönliche Ansichten, gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen mit Ethik verwechseln. Die Normen und Moralvorstellungen verschiedener Kulturen und Länder können sich gravierend unterscheiden. Vieles, was heute gesellschaftlich als normal gilt und damit von den meisten Menschen ohne zu hinterfragen als richtig angesehen wird, ist aber aus ethischer Sicht sogar schädlich.
Es gibt eine universelle Ethik, die man in den Grundzügen in allen Weltreligionen finden kann, wie z.B. in der Bibel (10 Gebote und die Bergpredigt), im Koran (Sure 17,22 - 39) und in den buddhistischen Lehren (der achtfache Pfad zur Überwindung von Leid).
Man kann die ethischen Richtlinien eigentlich auf folgende Grundsätze reduzieren: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“ und „Schade niemanden, weder in Gedanken, noch in Worten oder Taten“.
Demut, Toleranz und Mitgefühl: Schattenarbeit hat einen positiven Nebeneffekt. In dem Maße, wie man seine eigenen Schwächen und Fehler erkennt und annimmt, wird man demütiger, mitfühlender und damit toleranter den Schwächen und Fehlern seiner Mitmenschen gegenüber. Denn ein großer Fallstrick auf dem spirituellen Weg ist Selbsterhöhung, Hochmut und Arroganz.
Schattenarbeit und soziales Umfeld: Schattenarbeit ist erfahrungsgemäß auch für das soziale Umfeld eine Bereicherung und Entlastung. In dem Maße, in dem man seine Schattenthemen bearbeitet und gelöst hat, werden sie nicht mehr auf die Mitmenschen projiziert. Und in Familien werden die Kinder entlastet, die oft unbewusst die unbearbeiteten Schattenthemen der Eltern übernehmen und tragen. Aber auch global hat es natürlich eine positive Wirkung, wenn viele Menschen ihre Schattenthemen erlösen.
Gott und das höhere Selbst: Es besteht die Gefahr, dass man bei der Schattenarbeit und der damit verbundenen Selbsterkenntnis irgendwann nur noch selbstbezogen um seinen eigenen Nabel kreist und damit den eigentlichen Zweck verfehlt, nämlich dem wahren Selbst (höheres Selbst) und Gott immer näherzukommen.
Es gibt schwerwiegende, tief sitzende Schattenthemen, die man, trotz größter Anstrengung, allein aus eigener Kraft nicht lösen kann. Hier hat sich als hilfreich erwiesen, Gott um Hilfe zu bitten. Es ist grundsätzlich hilfreich, Gott und sein höheres Selbst um Unterstützung bei der Schattenarbeit zu bitten. Allerdings darf man nicht erwarten, dass Gott einem das abnimmt, was man selbst zur Lösung beitragen kann und soll. Wie heißt es so schön: "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!".
.

Buchempfehlungen
- Die Schattenseite der Seele, wie man die dunklen Bereiche der Psyche in die Persönlichkeit integriert, herausgegeben von Jeremiah Abram und Connie Zweig
- Die Seele des Menschen, ihre Fähigkeit zum Gutem und zum Bösen, Erich Fromm
- Tiefenpsychologie und neue Ethik, Erich Neumann
Das Copyright © für diesen Text hat:
Ralf Manthey
22880 Wedel
E-Mail: ralf-manthey@online.de
